Die erste Erinnerung meines Lebens

Kennt ihr das? Die ersten Jahre eures Lebens sind ehr verschwommene Erinnerungen? Randnotizen eurer Entwicklung?

Ich habe diese eine Erinnerung die mich bis heute regelmäßig im Schlaf besucht. Ein immer wieder kehrender Albtraum. Jedes Detail ist so schmerzhaft real.

Ich war 5 Jahre alt, noch unbeschwert und kuschelte mit meinem Meerschweinchen Sofie auf dem Flur. Zu dieser Zeit haben wir in einer Wohnung in Halstenbek gewohnt. Ich ging noch in den Kindergarten „Bick Bargen“.  Diese Wohnung war im Dachgeschoss , oft hörte ich dem Regen zu wie er auf die Velux Fenster prasselte , ein Geräusch was heute noch beruhigend auf mich wirkt. Besonders prägnant an dieser Wohnung war der Flur. Als kleines Kind schien er endlos lang. Ich habe oft auf dem glatten Boden gesessen und gespielt. Meine Mutter , Martina, hat mich an diesem Tag zuhause gelassen damit sie Gesellschaft hat. Das passierte in häufiger Regelmäßigkeit und zieht sich tatsächlich auch durch meine ganze Schulaufbahn.

Sie hatte früh morgens schon das trinken angefangen. Den Grund dafür weiß ich nicht mehr ganz genau. Ich glaube sie hatte sich mit meinem Bruder , Joachim, gestritten. Mein Bruder ist Baujahr 1982 und war daher schon 15. Er ist bereits früh zu der Tante unserer Mutter gezogen, Astrid. Er hat es zuhause nicht mehr ausgehalten.

Sie lag auf dem ausgebreiteten Schlafsofa unter der Decke und mit aufgedrehter Musik. Sie trank immer mehr und war schon stark alkoholisiert als meine Schwester Katherine von der Schule heim kam. Meine Schwester ist Baujahr 1989 und war damals schon in der 2. Klasse. Martina rief Katherine zu sich ran obwohl Katherine noch nicht einmal ihre Schulsachen weggepackt hat.

Ich saß immer noch auf dem Flur, spielte und lauschte was in der Stube vor sich ging. Martina befahl Katherine, dass sie aus der Küche ein Messer holen sollte. Katherine lief los und kam mit einem Buttermesser wieder. Martina würde sauer und schrie sie an das sie ein scharfes Messer braucht, sie solle eins aus dem neuen Messerblock holen.

Dieser Messerblock. Er war aus Holz und es stecken zirka 8 höllisch scharfe Fleischmesser in ihm. Wenn ich heute so einen Messerblock sehe läuft es mir kalt den Rücken runter und es manifestiert sich in mir ein schreckliches Gefühl.

Also lief Katherine erneut los und holte eins dieser Messer aus dem besagten Messerblock. Leicht verwirrt gab sie es Martina und fragte was sie damit im Bett wolle. In einem harschen Ton sagte sie nur sie solle jetzt mit mir ins Zimmer gehen und spielen. Katherine kam zu mir und fragte mich warum Mama traurig sei. Ich wusste es ja auch nicht. Wie auch , ich war 5 Jahre alt und meine größten Sorgen waren damals noch mit was ich heute spiele. Naja , zumindestens bis zu diesem Tag.

Martina weinte immer bitterlicher im Wohnzimmer , ihr Schmerz war fürchterlich und ich wollte sie trösten. Ich ging zu ihr und sah wie sie das Messer an ihr Habdgelenk hielt. Ich hatte Angst und sagte sie muss aufpassen sonst schneidet sie sich noch. Sie weinte schrecklich , legte das Messer unter ihr Portmonee und erklärte mir das das Portmonee so schwer sei das sie es da nicht rausziehen könnte. Sie befahl mir in mein Zimmer zu gehen und mit Katherine zu spielen. Ich weiß noch wie verwirrt ich war. Ich setzte mich wieder auf den Flur und besprach mit Katherine, dass wir auf Mama aufpassen müssen, ihr gehts nicht gut. Katherine und ich beschlossen abwechselnd auf Mama aufzupassen. Martina trank und schlief abwechselnd. Rückwirkend betrachtet waren sicherlich ihre Freunde „Diazepam“ auch mit von der Partie.

So verging der Tag. Irgendwann war ich im Badezimmer. Katherine ging wohl kurz in unser Zimmer und Martina ergriff ihre Chance. Ich kam aus dem Zimmer und Martina war nicht mehr im Bett. Panisch lief ich in das Wohnzimmer und entdeckte sie schließlich in der Wohnküche in dem Moment wo sie sich die Pulsadern aufschnitt.

Könnt ihr euch vorstellen wie viel Blut da auf einmal ist? Und könnt ihr euch vorstellen wie viel Blut das für eine 5 Jährige ist? Ich rief hysterisch Katherine. Martina lies das Messer fallen und sagte auf die Knie und weinte bitterlich als das Blut aus ihr raus lief.

Ab diesem Moment habe ich nur noch verschwommene Erinnerungen.  Ich weiß nur noch das Katherine und ich im Badezimmer nach Pflastern suchten, weil Martina hat uns auch immer Pflaster aufgeklebt wenn er bluteten. Ich weiß es nicht mehr ganz genau aber ich glaube Katherine rief Jürgen an, er war der beste Freund von Martina. Relativ schnell kam ein Krankenwagen.

Ab diesem Tag sollte nichts mehr wie früher sein. Ich traute mich nicht mehr Martina aus den Augen zu lassen. Ich fühlte mich für das Geschehene verantwortlich. Ich habe nicht gut genug aufgepasst. Ab dahin versuchte ich immer aufmerksam zu lauschen wenn Martina weinte und sobald sie aufstand auch aufzustehen. Bis heute , über 20 Jahre später plagt mich immer noch eine Schlafstörung. Bei jedem Verdächtigen Geräusch bin ich hellwach und in Alarmbereitschaft. Auch träume ich immer wieder dieses Szenario und muss es in diesem Traum verhindern. Massen über Massen Blut und immer wieder der selbe Ablauf. Ich fühle mich immer wieder genauso hilflos wie mit 5 Jahren. Gefangen in diesem Traum um das unverhindedliche zu verhindern.

Mit diesem Tag wurde das Schicksal meiner kleinen Seele besiegelt. ICH musste verhindern das Mama sich umbringt.

Es muss raus !

Hallo,

falls du dich wunderst auf was für einer Seite du gelandet bist … naja so richtig weiß ich das auch noch nicht. Aber was ich weiß, diese ganzen Erinnerungen in meinem Kopf müssen raus. Ich möchte meine Geschichte mit der Welt teilen so wie die Unwahrheiten die in der Welt über mich geteilt werden. Ich werde nach und nach die Ereignisse meines Lebens mit euch teilen. Aber Achtung … vieles davon könnte dich Triggern wenn du grade instabil bist. Wenn du merkst es tangiert dich zu sehr denn lies bitte nicht weiter. Ich weiß selbst zu gut wie es ist wenn Worte einen den Boden unter den Füßen weg reißen.

Die meiste Zeit werde ich über negatives in meinem Leben berichten aber ich möchte dir  auch die guten und schönen Dinge die mich aufrecht erhalten nicht vorenthalten. Alles was ich schreibe entspricht der Wahrheit, es ist nichts aufgebauscht. Ich brauche einfach Platz für meine Seele und ich muss es erzählen. Ich habe eine Stimme und ich habe sie lang genug versteckt. Früher waren mir die Ereignisse meines Lebens peinlich. Aber heute weiß ich das mir das nicht peinlich sein sollte, es sollten den Menschen peinlich sein die mein ganzes Leben schon daran arbeiten mich zu brechen. Aber das alles hat mich stark gemacht …. und traurig. Aber ich lebe jeden Tag damit und manche Tage sind einfach besser als andere.

Danke fürs lesen.